Wald im Klimawandel

Zwischenbilanz 2026: Wie geht es dem Wald nach dem trockenen Sommer?

Steffen Wildmann zieht als Leiter des Forstamtes Rotenburg eine Zwischenbilanz, wie es unserem Wald nach dem trockenen Sommer geht.

Wie ist der aktuelle Zustand der Wälder im Bereich des Forstamts nach dem trockenen Sommer? Wie stark haben die vergangenen Monate den Bäumen zugesetzt?

Der Sommer 2026 war in Hessen und auch im Forstamt Rotenburg außergewöhnlich trocken und heiß. Der Juli war der trockenste Juli seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Durch ausbleibende Niederschläge und hohe Temperaturen in den Sommermonaten sind die Waldböden im Forstamtsbereich vielerorts bis in tiefe Schichten ausgetrocknet. Die Bäume stehen dadurch unter enormen Trockenstress. Insbesondere bei den Aufforstungen der letzten Pflanzsaison kommt es zu erhöhten Ausfallraten, da der Oberboden besonders betroffen war und junge Bäume nach ihrer Pflanzung besonders anfällig sind. Aber auch ältere Bäume sind großflächig von Trockenstress betroffen. Bei den Laubbäumen ist das besonders an den Baumarten Buche und Birke zu erkennen, deren Laub vielerorts schon braun verfärbt ist und teilweise abgeworfen wird.

 

Bei einigen Bäumen werden bereits jetzt Blätter braun oder welk beziehungsweise fallen ab. Woran liegt das? Handelt es sich dabei um eine Schutzreaktion auf Trockenstress oder bereits um ernsthafte Schäden?

In einigen Fällen handelt es sich tatsächlich um eine natürliche Schutzreaktion des Baumes. Bei anhaltendem Wassermangel verlieren die Blätter zunächst ihren Zellinnendruck, sodass sich die Spaltöffnungen schließen, um weitere Verdunstung zu verhindern. Als letzte Reaktion wirft der Baum Blätter oder auch unreife Früchte ab, um seinen Wasserbedarf zu reduzieren und die überlebenswichtigen Bereiche wie Stamm und Wurzeln zu schützen. Bei der Buche kommt eine artspezifische Besonderheit hinzu: Im Gegensatz zu Baumarten wie Lärche, Douglasie, Birke oder Linde, die ihre Spaltöffnungen bei Wassermangel weitgehend schließen und so ihre Verdunstung deutlich drosseln können, ist die Buche dazu nur sehr begrenzt in der Lage. Sie verdunstet deshalb auch während einer Dürre weiter Wasser und kann ihren großen Wasserbedarf kaum einschränken — mit der Folge, dass bei Bodentrockenheit vermehrt Luft in die Wasserleitbahnen gerät und sogenannte Embolien entstehen. Auf diese Weise dauerhaft geschädigte Wasserleitbahnen können auch bei danach folgendem Niederschlag kein Wasser mehr transportieren. Auch Buchen, die auf diese Weise geschädigt sind, werfen bereits im Sommer ihre Blätter ab. Der Schaden ist zu diesem Zeitpunkt jedoch schon irreversibel angerichtet. Ist die Mehrheit der Leitbahnen einer Buche betroffen, beginnt ein langsamer aber unaufhaltsamer Absterbeprozess. Zu beachten ist zudem ein sogenannter Erinnerungseffekt: Schäden aus einem trockenen Jahr zeigen sich häufig nicht sofort, sondern erst im Folgejahr, etwa durch verzögertes Absterben von Ästen oder ganzen Bäumen. Eine abschließende Bewertung, ob ein einzelner Baum die Trockenheit übersteht, ist deshalb oft erst mit zeitlichem Abstand möglich.

 

Wichtig für die Einordnung ist deshalb folgende Faustregel: Ein brauner Baum ist nicht automatisch ein toter Baum. Allerdings kann man sagen, dass insbesondere bei der Baumart Buche ein vermutlich nennenswerter Anteil der jetzt braun verfärbten Bäume im Laufe der nächsten 1 bis 3 Jahre absterben wird.

 

Welche Baumarten leiden derzeit besonders unter der Trockenheit und woran können auch Laien erkennen, dass ein Baum unter Trockenstress steht?

Grundsätzlich leiden alle Baumarten unter Trockenstress und anhaltender Dürre. Allerdings gibt es Baumarten die physiologisch besser oder schlechter an derartige Situationen angepasst sind. Die Buche – als unsere häufigste Laubbaumart im Forstamt – ist physiologisch schlecht an die Dürre angepasst und insgesamt nur sehr begrenzt trockenstressresistent. Die Fichte ist aufgrund des feuchten Frühjahrs weniger betroffen, da sie mit den Frühjahrsniederschlägen genug Harz produzieren konnte, um die Attacken des Borkenkäfers im Keim zu ersticken.

 

Gibt es bereits Bäume, bei denen mit dauerhaften Schäden oder sogar einem Absterben gerechnet werden muss?

Besonders betroffen sind zum einen junge Anpflanzungen aus der letzten Pflanzsaison, da junge Bäume in den ersten Jahren nach der Pflanzung besonders empfindlich auf Trockenheit und Hitze reagieren. Zum anderen sind es auch die alten und hochgewachsenen Bestände, da diese einen hohen Wasserbedarf haben. Für alle Baumarten steigt durch Dürre der Trockenstress, der sie anfälliger gegenüber anderen Schadeinwirkungen wie etwa Insekten oder Pilze macht. Dies beobachten wir zum Beispiel bei der Eiche mit dem sonst unproblematischen Eichenprachtkäfer oder bei Ahorn mit der vorwiegend bei Trockenstress auftretenden Rußrindenkrankheit. Die Absterberaten bei der Buche durch den oben beschriebenen Prozess der Buchenvitalitätsschwäche sind aber höher einzuschätzen.

 

Können durch die Trockenheit jetzt auch Gefahren entstehen, etwa durch absterbende Äste oder geschädigte Bäume entlang von Wegen?

Leider ja - durch Hitze und Trockenheit sterben Kronenteile oder ganze Bäume ab. Dadurch kann es mit größerer Wahrscheinlichkeit dazu kommen, dass Äste oder Kronenteile abbrechen und zu Boden fallen oder bei Wind ganze Bäume umstürzen. Es ist insbesondere ein Merkmal der Buchenvitalitätsschwäche, dass auch noch grün belaubte und gesund erscheinende Äste und Kronenteile unvermittelt abbrechen können.

 

Welche heimischen beziehungsweise im Forstamt vorkommenden Baumarten kommen mit längeren Trockenperioden vergleichsweise gut zurecht?

Es gibt sowohl heimische als auch nicht-heimische Baumarten, die besser an trocken-warme Verhältnisse angepasst sind. Zu den heimischen trockenstressresistenten Baumarten gehören Eiche, Lärche und Edellaubbäume wie etwa Spitzahorn. HessenForst ergänzt diese Baumartenpalette bewusst um Baumarten wie Douglasie oder Roteiche, die in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet schon mit Bedingungen konfrontiert sind, die wir hier erst noch in Zukunft erwarten.

 

Welche Rolle spielt dabei, dass es auch in den vergangenen Jahren immer wieder Trockenperioden gab? Sind manche Bäume dadurch bereits vorgeschädigt?

Ja, die diesjährige Trockenheit trifft auf Wälder, die bereits durch vorangegangene Dürrejahre signifikant geschwächt sind. Für durch vorangegangene Dürren vorgeschädigte Bäume können die trocken-heißen Sommermonate im Jahr 2026 der finale Schlag gewesen sein, der bspw. die letzten funktionsfähigen Leitbahnen unwiderruflich zerstört hat.

 

In diesem Jahr ist meines Wissens auch eine stärkere Eichel- und Bucheckernmast zu beobachten. Trifft das für unsere Region zu? Wie stark fällt sie aus und wie passt eine solche Mast zu einem gleichzeitig sehr trockenen Jahr?

Eine starke Buchenmast wirkt als zusätzlicher physiologischer Stressfaktor, der Bäume zusätzlich schwächen kann, da die Fruchtbildung dem Baum Kohlenhydrate und Nährstoffe entzieht, die er sonst für Wurzelwachstum und Abwehrkräfte einsetzen würde. Historisch zeigte die Kombination aus Mastjahr und Dürresommer im Folgejahr verstärkte, verzögert sichtbare Absterbeerscheinungen. Hauptursache für das Absterben bleibt jedoch die Trockenheit und Hitze selbst – die Mast wirkt lediglich verstärkend.

 

Wie lief es in diesem Jahr mit Neuanpflanzungen beziehungsweise Wiederaufforstungen? Konnte trotz der Trockenheit wie geplant gepflanzt werden? Wenn ja, wie viele Bäume wurden gesetzt + welche Baumarten?

Die Anpflanzungen aus der vergangenen Pflanzsaison (Oktober 2025 bis April 2026) haben stark unter der Dürre gelitten. Insgesamt wurden im Forstamt Rotenburg ca.160.000 junge Bäume allein in der letzten Saison gepflanzt. Es ist davon auszugehen, dass etwa 30 bis 50 % der gesetzten Pflanzen vertrocknet sind und in der nächsten Pflanzsaison nachgepflanzt werden müssen. Im regulären Betrieb, bei normalem Wetter, werden Ausfälle von bis zu 20% als „normal“ bezeichnet. Derzeit beobachten wir die Wetterentwicklung genau. Sollten die Niederschläge in den kommenden Wochen nicht ausreichen, kann es sein, dass die diesjährigen Herbstpflanzungen in das Frühjahr verschoben werden.

Eine zusätzliche Bewässerung kommt im Wald in der Regel aufgrund der großen Flächen, des enormen Wasserbedarfs und der schlechten Zugänglichkeit nicht infrage.

 

Welche Auswirkungen hat die Trockenheit auf die natürliche Verjüngung des Waldes?

Die Naturverjüngung ist in der Regel deutlich weniger anfällig gegenüber Trockenheit als gepflanzte Bäume. Allerdings beobachten wir in Extremsommerjahren wie 2022 oder dieses Jahr, dass an manchen Orten auch kleinflächige Bereiche aus Naturverjüngung durch Trockenstress geschädigt werden oder gar absterben.

 

Profitiert der Borkenkäfer von den trockenen Bedingungen? Wie ist die Situation in diesem Jahr bislang? Sind dadurch auch die noch vorhandenen Fichtenbestände besonders gefährdet?

Aus drei Gründen ist der Borkenkäfer in diesem Jahr kein Problem:

  1. Ausreichend Niederschlag im Winter und im Frühjahr: Die noch vorhandenen Fichtenbestände konnten mit einer guten Wasserversorgung in das Frühjahr starten und so die ersten Angriffe des Borkenkäfers durch Harzproduktion abwehren. Da die Vermehrung des Borkenkäfers exponentiell erfolgt und im Jahresverlauf aus einem Weibchen potenziell hunderttausende Borkenkäfer entstehen können, war diese frühe Abwehr ausreichend, um eine Massenvermehrung zu verhindern.
  2. Viele Fichtenbestände, insbesondere jene auf gefährdeten Standorten oder besonders prädisponierte Bestände sind seit 2018 abgestorben. Übrig geblieben sind überwiegend junge Fichtenbestände und jene auf besseren Standorten, die weniger anfällig für den Borkenkäfer sind.
  3. Weiterhin konsequenter Waldschutz: Auch nach den großen Borkenkäferschäden setzt das Forstamt weiterhin auf Wachsamkeit und schnelle Reaktion. Unsere Revierleitungen und Forstwirte haben frischen Befall und in Stämmen überwinternde Borkenkäfer rechtzeitig identifiziert, die Bäume geerntet und aus dem Wald gefahren. So wurde weitergehender Befall verhindert.

 

Was müsste in den kommenden Wochen wettertechnisch passieren, damit sich die Situation noch entspannt? Kann ausreichender Regen im Spätsommer beziehungsweise Herbst den Bäumen noch helfen?

Viele bereits entstandene Schäden sind irreversibel. Dennoch ist ausreichend Niederschlag für den Rest des Jahres und darüber hinaus wichtig, um die Vitalität der Bäume nicht weiter herabzusetzen und gleichzeitig gute Bedingungen für die erforderlichen Nachpflanzungen und Wiederaufforstungen zu schaffen.

 

Lässt sich bereits sagen, welche langfristigen Folgen dieser Sommer für den Wald haben könnte?

Ja. Wir werden nennenswerte Schäden in den älteren Laubbaumbeständen haben, die sich in ihrem vollem Ausmaß erst innerhalb eines Zeitraums von bis zu drei Jahren offenbaren. Dabei wird es sicherlich regionale Unterschiede geben. Unsere Aufgabe wird es sein, absterbende Bäume noch einer sinnvollen Nutzung zuzuführen. Außerdem werden wir entstehende Lücken nutzen, um trockenstressresistente Mischbaumarten in die Bestände zu bringen. Diese sind die Grundlage für einen artenreichen und klimastabilen Mischwald von morgen.  

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